Europa muss militärisch aufrüsten, um nicht Krieg führen zu müssen. Ersteres ist zwar teuer, aber doch billiger als letzteres.

Europa muss aber vor allem auch seine Resilienz bei der Energieversorgung deutlich erhöhen, um nicht von einem Energiepreisschock in den nächsten zu stolpern. Ersteres ist/wird zwar teuer, aber nicht so teuer wie letzteres.

 

Foto: Maria Hahn-Wohlmuth

Das  sollte ebenfalls Maxime der politischen Elite Europas angesichts der gegenwärtigen bzw. zukünftigen tektonischen Verschiebungen in Weltwirtschaft und Weltpolitik sein.

Während die Politik bei der militärischen Aufrüstung Europas zumindest seriöse, zielgerichtete Absichten erkennen lässt, herrscht bei der Frage der Stärkung der Energieresilienz lautes Schweigen.

Es wurden zwar nach der Gaskrise 2022 in der EU Maßnahmen gesetzt, die eindeutig die Energieversorgung auf eine breitere und damit etwas sicherere Basis stellten (Reserveaufbau, Diversifizierung). Maßnahmen zur strategisch-institutionellen Aufrüstung mit der Zielsetzung,  die Wirkung von Energiepreisschocks wenn schon nicht zu neutralisieren, so doch deutlich abzuschwächen, fehlen jedoch zur Gänze. Der öffentliche Diskurs wird derweil von Geplänkeln rund um Randphänomene wie der Merit-Order dominiert, die wenig bis gar nichts mit der Gaskrise 2022 und schon gar nichts mit dem gegenwärtigen Energiepreisschock zu tun haben.  

Beide Krisen wurden/werden durch eine sehr ähnliche Gemengelage provoziert. Plötzliche physische Verknappung von Gas und Öl auf den Spotmärkten (angedrohte Reduktion der Gaslieferungen nach Europa durch Russland 2022, Verknappung von Öl durch den USA/Israel-Iran-Krieg 2026), gepaart mit spekulationsgetriebener Panik auf den Spotmärkten (u.a. auch wegen des Primats der  Versorgungssicherheit) führten in beiden Fällen zu raschen und extremen Preissteigerungen, die ebenso rasch und extrem in den Derivativmärkten (Gas, Strom bzw. Benzin, Diesel) aufschlugen.

Energiekrisen haben darüber hinaus – wenig überraschend -sehr viel gemein mit Finanzkrisen, sie manifestieren sich nur in entgegengesetzten inferioren Preisentwicklungen (Asset-Preisverfall und Liquiditätsverknappung bei Finanzkrisen, Öl-, Gas-, Strompreis-Hikes und Energieverknappung bei Energiekrisen).

Energiemarktaufsicht nach dem Vorbild der Finanzmarktaufsicht

Der Finanzbereich hat über die letzten Jahrzehnte zumindest in den Industriestaaten institutionell stark aufgerüstet, so dass Finanzkrisen zwar nicht (immer) verunmöglicht (Stichwort: Finanzkrise 2008), so doch deren negative Auswirkungen stark abgemildert werden können.     

Die bestimmenden, stabilitätssichernden Institutionen im Finanzbereich sind unabhängige Finanzmarkt- und Bankenaufsicht und unabhängige Zentralbanken. Sie wurden in den letzten 40 Jahren in enger Zusammenarbeit mit der Wissenschaft von der Politik installiert und im Bedarfsfall nachgeschärft (z.B. nach der Finanzkrise 2008). Erstere sind statutarisch für Finanzmarkt- und Bankenstabilität verantwortlich, letztere für Preisstabilität (Inflationsziel) und Liquiditätsversorgung (Lender of Last Resort).

Ähnliche Institutionen benötigt dringend Europa zur Sicherung seiner Energieversorgung im Krisenfall bzw. zur Stabilitätssicherung seiner Energiemärkte.

Energiemarktaufsicht muss demnach mit ähnlichen Kontroll- und Steuerungsinstrumenten ausgestattet werden wie die Finanzmarkt- und Bankenaufsicht.

EZB als ,Supplier of Last Resort‘

Es braucht aber vor allem ein energiepolitisches Pendant zur Zentralbank bezüglich ihrer Funktion als Lender of Last Resort.  Da Energiepreise bestimmend sind für das allgemeine Preisniveau liegt nahe, die Zentralbanken, in Europa die EZB, mit der Aufgabe der Energieversorgungs- und Energiepreissicherung in Krisenzeiten zu beauftragen. Die EZB müsste dazu u.a. einen (Groß-)Teil ihrer Assets (Währungsreserven, Goldreserven) in Form von ‚Energiereserven‘ (in ortsfesten und mobilen Öl- und Gaslagerstätten) halten, um inferioren Energiepreissteigerungen infolge von krisenhaften bzw. spekulativen Verknappungen durch adäquate und rasche Angebotserweiterungen erfolgreich entgegenwirken zu können (Stichwort: Supplier of Last Resort). Dazu braucht sie – wie bei Devisenmarktinterventionen – ausreichende und rasch vermarktbare (Energie-)Reserven, um ihren Stabilitätsauftrag auch glaubhaft wahrnehmen zu können.  Dazu sollten die bereits bestehenden Energiereservelager in den einzelnen EU-Ländern der EZB übertragen, und diese durch die EZB unabhängig verwaltet und vor allem ausreichend ausgebaut werden. Das ist der teure und technisch anspruchsvolle Part der energiepolitisch-institutionellen Aufrüstung.

Oft wirkt jedoch bereits die Existenz einer potenziell machtvollen, unabhängigen Institution hinreichend disziplinierend, um massive Fehlentwicklungen auf heiklen Märkten hintanzuhalten.

Dieser Artikel wurde am 23. März 2026 in der Tageszeitung ‚Neue Zürcher Zeitung‘ veröffentlicht.