Die empirischen Befunde zu den ökonomischen Effekten von Migration sind durchwachsen. Vielfach stützen sie die Befürchtung, dass Wohlfahrtsgewinne durch Massenmigration (so überhaupt vorhanden) bei adäquater Berücksichtigung von Wanderungs- und Integrationskosten nicht nur gering, sondern extrem ungleich verteilt sind. Zu den Gewinnern zählen neben den (minder qualifizierten) Migranten vor allem die Unternehmer und die hoch qualifizierten Arbeitnehmer in den Zielländern (Norden) bzw. die Arbeitnehmer in den Herkunftsländern der Migranten (Süden), zu den Verlierern vor allem die (minder qualifizierten) Arbeitnehmer im ,Norden‘ und die Unternehmer im ,Süden‘.

Dieser empirische Befund stimmt mit dem Grundsatz überein: Labor productivity is mostly about where you are and not who you are.

Maria Hahn-Wohlmuth

Migrationsforscher stellen eine Tendenz zunehmender ökonomisch-rationaler Fundierung der Süd-Nord-Wanderung fest. Familien und Clans in Entwicklungsländern, die sich erfolgreich aus der Armutsfalle befreien konnten, verhalten sich bei Migrationsentscheidungen bzw. Wahl des Ziellandes zunehmend wie strategische (Direkt-)Investoren. Sie profitieren im Falle einer erfolgreichen Migration eines ihrer Angehörigen vor allem durch Rimessen (Geldüberweisungen von Migranten an ihre Angehörigen im Herkunftsland) oder durch Erleichterungen bei Nachfolgemigrationen (z.B. im Wege der Familienzusammenführung).
Einer der bestimmenden Faktoren, die über Erfolg oder Misserfolg von Migration entscheiden, sind Netzwerke bzw. Netzwerkkosten im Zielland. Von großen ethnischen und/oder religiösen Diasporas geht daher die größte Anziehungskraft auf Migranten aus.
Migranten wählen daher bevorzugt jenes hochentwickelte Industrieland als Zielland, das eine für sie vorteilhafte Diaspora aufweist. Je dichter und größer die Diaspora ist, umso geringer sind die individuellen Netzwerkkosten für Migranten. Arbeits- und Wohnungssuche und selbst Familienzusammenführung werden durch Rückhalt und Beistand einer ethnischen und/oder religiösen Diaspora wesentlich erleichtert und beschleunigt. Migranten können damit den Einkommensvorteil des Gastlandes nutzen, ohne gleichzeitig die hohen individuellen Kosten, die mit rascher Integration in die Mehrheitsgesellschaft des Ziellandes verbunden sind, in Kauf nehmen zu müssen.
Integration bedeutet in der Regel vor allem Wechsel der kulturellen Identität und Verlust des alten Bezugssystems. Verlust der Bindung zum Herkunftsland hat u. a. die Konsequenz, dass Rimessen versiegen bzw. die Bereitschaft von Migranten zur finanziellen Unterstützung der Angehörigen im Herkunftsland sinkt. Auf Migranten lastet daher vor allem Druck aus ihren Herkunftsländern, ihre ursprüngliche kulturelle Zugehörigkeit nicht aufzugeben bzw. ihre Diasporabindung im Zielland nachhaltig aufrecht zu halten.
Angehörige einer (großen und dichten) Diaspora zeigen daher vorerst vor allem wegen dieser hohen Opportunitätskosten oft nur sehr geringe Bereitschaft zum kulturellen Identitätswechsel und damit zur Integration in die Mehrheitsgesellschaft.

Die geringen, sozial ungleich verteilten Integrationsgewinne – zumindest auf mittlere Sicht – für die Mehrheitsgesellschaften im ,Norden‘ erweisen sich ebenfalls oft als schwer überwindbare politische Barriere für langfristige Finanzierung und Umsetzung von nachhaltigen öffentlichen Integrationsprogrammen.

Fazit: ‚Integrationsverweigerung‘ kann gleichermaßen zur dominanten Strategie für Migranten aus dem ‚Süden‘ und Mehrheitsgesellschaften im ,Norden‘ werden und sich zu einem zwar individuell rationalen, gesamtgesellschaftlich jedoch inferioren Gleichgewicht verfestigen. In multi-kulturell fundierten Gemeinschaften (mit oder ohne Mehrheitsgesellschaft) sollte hingegen mangelnde Integrationsbereitschaft zu keinen (signifikanten) sozialen Wohlfahrtsverlusten führen.