Die Erregung in Österreich ist groß. Wie kann es sein, dass einem Land, das mit Deutschland und anderen Ländern des ehemaligen DM-Blocks über Jahrzehnte als Hort preislicher Wettbewerbsfähigkeit galt, in vergleichsweise kurzer Zeit (genau seit 2022) seine viel gepriesene ‚Stabilitätsgesinnung‘ abhanden kommen konnte. Österreich ist zur Zeit eines der Schlusslichter in der Inflationsrangliste der Euro-Länder und schwächelt gesamtwirtschaftlich und wettbewerbsmäßig wie nie zuvor

Foto: Maria Hahn-Wohlmuth

Inflation ist doch, so eine der ökonomischen Grundeinsichten, ausschließlich eine monetäre Angelegenheit: Kamen etwa die Österreicher während der Pandemie als einzige in der Euro-Zone unverhofft in den Genuss von ‚helicopter money‘ und damit zu mehr ‚Konsum-Euro‘ als all die anderen Europäer?

Da ist (vordergründig) sogar etwas dran. Die bis 2022 sehr expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) wurde in Österreich – während Pandemie und kriegsbedingter Energiekrise (Russland/Ukraine Krieg) – durch eine forciert ‚expansive Einkommenspolitik‘ (Stichwort: Kaufkraftsicherung) zusätzlich überdehnt, und das hat anscheinend bei vielen Konsumenten in diesem Land ‚Geldillusion‘ ausgelöst. Damit verschaffte sich Österreich nach der Pandemie zwar kurzzeitig einen Head-start, nur um so rascher in eine, immer noch andauernde Stagflation zu verfallen. Die meisten anderen EU-Länder bevorzugten eine Krisenpolitik der gezielten (temporär begrenzten) Markteingriffe und vermieden nach Möglichkeit jegliche Form monetärer, destabilisierender Transferpolitik.

Die in jüngster Zeit unverhältnismäßig starken Preissteigerungen in Österreich sind zwar von diesem krisenpolitischen Sonderweg begünstigt worden, die eigentlichen Ursachen dafür liegen jedoch anderswo. Sie haben nichts mit Inflation als monetärem Phänomen zu tun, viel jedoch mit Schocks, Markt- und ganz besonders mit ‚institutionalisiertem‘ Politikversagen. Dennoch werden dadurch verursachte Preissteigerungen häufig als monetäre Inflation wahrgenommen, und als solche – vor allem im öffentlichen Diskurs – auch verrechnet.

Schocks und Markt(-anpassungs)versagen können unter bestimmten Bedingungen zu kräftigen Verschiebungen in grundlegenden Preisrelationen führen, die – wenn sie nicht durch kompensierende Preisveränderungen neutralisiert werden – in den preisstatistischen Standardmaßen (Verbraucherpreisindex) gegebenenfalls als Anstieg des allgemeinen Preisniveaus (Schein-Inflation) abgebildet werden.  Wird ein Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, der durch Anpassung der relativen Preise verursacht wurde, als monetäre Inflation verrechnet und etwa durch Nominallohnsteigerungen abgegolten, dann sind die gesamtwirtschaftlichen Folgewirkungen (zumeist) inferior.

In Österreich weisen seit geraumer Zeit z.B. die beiden Schlüsselsektoren Tourismus und Energiewirtschaft kräftige  Preissteigerungen auf, die überwiegend schein-inflationär sind.

Die überdurchschnittlichen Preissteigerungen im Tourismussektor sind zum größten Teil einem marktspezifischen Sondereffekt geschuldet, den Ökonomen als ‚pekuniäre Externalität‘ bezeichnen. Hinter diesem Wort-Ungetüm verbirgt sich ein Marktgeschehen, das viele (nicht zuletzt auch touristische Regionen) gut kennen. So werden etwa in Gegenden, die plötzlich – aus welchen Gründen immer – bei in- und ausländischen Touristen ‚hip‘ sind, Immobilien sprunghaft teurer. Auch Mieten und gelegentlich auch Preise von Gütern des täglichen Bedarfs steigen tendenziell stärker als in touristisch weniger attraktiven Gebieten. Die damit verursachten Preissteigerungen widerspiegeln jedoch keine monetäre Inflation, sondern durch sogenannte Marktkräfte (Angebot und Nachfrage) verursachte ‚Preisanpassungen‘. Das mag sich in den betreffenden Regionen für viele negativ anfühlen (und für viele oft auch tatsächlich nachteilig sein), ist jedoch kein Anlass zu Markteingriffen, gegebenenfalls jedoch Angelegenheit der Sozialpolitik.

Der österreichische Tourismussektor reagiert seit 2022 sehr konsequent mit kräftigen Preissteigerungen auf den (pandemiebedingten) in- und ausländischen Nachfrageüberhang und vor allem auf die äußerst geringe Preissensibilität (Preiselastizität im Ökonomen-Sprech) allzu vieler Touristen und Restaurantbesucher.

Gut so, Touristiker und Gastwirte! Das ist marktkonformes ‚Preisverhalten‘.

Nicht gut ist jedoch, wenn sich derartige marktkonforme Preisanpassungen in der ‚allgemeinen (gefühlten) Inflationsrate‘ wiederfinden und – wie in Österreich jüngst passiert – damit ungerechtfertigte, gesamtwirtschaftlich nachteilige Sekundäreffekte (Stichwort: Inflationsabgeltung) auslösen (z.B. zu entsprechend höheren Arbeitskosten in nicht-touristischen Wirtschaftsbereichen bzw. zu ‚inflationsgebundenen‘ Anpassungen von Mieten und Gebühren führen).

Die überdurchschnittlichen Preissteigerungen für Energie in Österreich wiederum reflektieren – neben Schockwirkungen – in vielfacherweise massive Markt- und Politikineffizienzen. Ein besonders auffälliges Markt- und Politikversagen wird durch die – für Österreich typische –  ‚föderative Durchdringung‘ des Energiesektors ermöglicht. Durch ‚strategische‘ Beteiligungen an Energieversorgungsunternehmen naschen beispielsweise die österreichischen Bundesländer ‚klandestin‘ an überhöhten Energiepreisen mit und sichern sich damit lukrative, zusätzliche Einnahmequellen für ihre häufig prekären Länderbudgets.

Föderalistische Schrullen, multiple Schocks und die Benya-Formel

Energiepolitische Fehlentscheidungen (langfristige, einseitige Bindung an Russland-Gas; Überförderung von privater ‚Erneuerbare Energie‘ trotz Netzkapazitätsprobleme bzw. unzureichende Großspeicher) haben in Österreich u.a. auch wegen dieser und diverser anderer ‚föderalistischer Schrullen‘ – zum Nachteil von Konsumenten und Unternehmen – allzu lange Halbwertszeiten.

Gegenwärtig ändern multiple Schocks (Industrie 4.0, Energiewende, Mobilitätswende, illiberaler Welthandel, Klimawandel etc.) viele grundlegende Preisrelationen weltweit. Diese Änderungen können durch politische Maßnahmen kurzfristig verzögert, nicht jedoch  dauerhaft verhindert werden. Das gilt ganz besonders für Marktwirtschaften, wie etwa Österreich gegenwärtig leidvoll zur Kenntnis nehmen muss: ‚Politische Korrekturen‘ schrauben das gesamtwirtschaftliche Preisniveau nur in ungewollte Höhen, ändern aber wenig bis gar nichts an dem zugrundeliegenden relativen Preisgefüge. Was Politik im weitesten Sinn jedoch kann, ist die Schockabsorptionsfähigkeit von Schlüsselsektoren einer Volkswirtschaft so zu verbessern bzw. zu stärken, dass schein-inflationärer Preisdruck von einem Wirtschaftssektor nicht (oder nur sehr abgeschwächt) auf  andere Wirtschaftsbereiche überschwappt.

Sakrosankte, sozialpartnerschaftliche Lohnanpassungsrituale – etwa jährliche Nominallohnsteigerungen zumindest im Ausmaß der jeweils ‚aktuellen allgemeinen Jahresinflationsrate‘ (gemessen am Verbraucherpreisindex), wie in Österreich weit verbreitet (Stichwort: Benya-Formel) – leisten in Zeiten des Umbruchs (also in den gegenwärtigen) gerade DAS (!) nicht. Sie verstärken die schockverursachte Preisanpassungsdynamik durch krude lohnpolitische Pseudo-Inflationsabgeltung und beschädigen damit massiv die internationale Wettbewerbsfähigkeit und damit den wirtschaftlichen Wohlstand vor allem von kleinen, offenen Euro-Volkswirtschaften (zur Erinnerung: nominelle Währungsabwertungen stehen einzelnen Euro-Ländern nicht zur Verfügung). Die jüngsten, negativen Erfahrungen Österreichs belegen dies mehr als eindrucksvoll.

Dieser Beitrag ist am 7. Jänner 2026 als Gastkommentar in der Tageszeitung ‚Die Presse‘ erschienen.