Mit dem sogenannten Basler Rahmenwerk wurden internationale Standards zur Bankenregulierung festgelegt. Doch erneut sind in den letzten Jahren bedeutende Banken in Schieflage geraten und mussten Staatshilfe beanspruchen. Ein Plädoyer für eine wirksame Bankenregulierung.

Maria Hahn-Wohlmuth

Basel I, II, III und (mittlerweile) IV stehen für eine Doktrin internationaler Bankenregulierung, die national und global tätige Banken gleichermassen resilient und krisenfest machen sollte. Vor allem sollte mit Basel III und IV nach den ernüchternden Erfahrungen der Finanzkrise 2007/2008 ein neuerlicher Bail-out (Rettung) von notleidenden Banken mit öffentlicher Hilfe (Steuergeld) unter allen Umständen ausgeschlossen werden.

Das für viele nahezu Unvorstellbare ist trotz Basel III usw. wiederum sehr vorstellbar geworden. Wieder sind bedeutende Banken, wie unlängst in der Schweiz, in Schieflage geraten und wieder sind sie (zumindest auch) mithilfe staatlicher Stützungsmassnahmen vor dem Untergang gerettet worden. Auch die Begründung dafür ist für viele ein Déjà-vu: Das internationale Bankensystem darf zum Wohle aller keinen Schaden nehmen.

Blanker Renditedünkel

Viele fragen sich nun: Ist diese neuerliche Bankenkrise wirklich bloss schicksalhaft beziehungsweise einfach unvermeidliches Pech – oder hat sie im geltenden Regelsystem nach «Basel» System? Vor allem für akademische Kritiker von «Basel» ist eindeutig Letzteres der Fall.

Schon die Entstehungsgeschichte von «Basel» in den 1970er und 1980er Jahren hat erahnen lassen, dass die Basler Bankenregulierung zum Scheitern verurteilt sein würde («doomed to fail»). An der Wiege von «Basel» stand nämlich nicht nur der Wunsch nach Stabilität des internationalen Bankensystems (Stichwort: Herstatt-Krise, 1974), sondern – unverhohlen – auch blanker Wettbewerbs- beziehungsweise Renditedünkel amerikanischer Banken gegenüber den damals aufstrebenden japanischen Banken. Deren vermeintlich geringe Eigenkapitalausstattung wurde von den amerikanischen Banken als unfairer Marktvorteil gebrandmarkt. Man (das heisst Notenbanken der G-10) einigte sich bald im Rahmen des 1975 gegründeten sogenannten Basler Ausschusses für Bankenaufsicht (Sitz bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel) auf Eigenkapitalregeln für international tätige Banken, die sich an den damals üblichen US-Standards orientierten.

Damit wurde die Tür zu einem Paradigma der internationalen Bankenregulierung aufgestossen, das durch Fake-Eigenkapital und äusserst grobe Risikomasse (beziehungsweise stark verwässerte und noch dazu extrem niedrige, harte Mindesteigenkapitalerfordernisse) lediglich vordergründig dem Grundsatz der Resilienz verpflichtet blieb.

Tatsächlich wurden jedoch den Banken durch «Basel» Tür und Tor für klandestine Aufsichtsarbitrage (systematisches Austricksen von aufsichtsrechtlichen Bestimmungen) geöffnet. Geschäftsmodelle wurden damit möglich, die – vom Basler Radar unbehelligt – durch extrem niedrige harte Eigenkapitalerfordernisse (ca. 2 Prozent der Bilanzsumme) exzessives Risikoverhalten und Hebel-getriebene Renditemaximierung begünstigten.

Die Büchse der Pandora war damit geöffnet, und eine verhängnisvolle Kasino-Mentalität hielt allenthalben Einzug in das internationale Bankwesen. Managementkultur und Eigentümerstrukturen änderten sich grundlegend. Banken wurden/werden nunmehr mehrheitlich von risikoaffinen Managern mit der Zielsetzung geleitet, die hohen, zumeist kurzfristigen Renditeerwartungen ihrer nunmehr ebenso risikoaffinen Eigentümer zu erfüllen.

Das alles ist nicht trotz, sondern wegen «Basel» passiert. Sämtliche Versuche, diese Fehlentwicklungen durch noch mehr «Basel» (Basel II, III, IV) einzufangen, mussten scheitern, nicht unähnlich den vormals ebenfalls zum Scheitern verurteilten Versuchen der «letzten Ptolemäer», das geozentrische Weltbild durch Einbeziehungen noch komplexerer Kreisbahnen vor der drohenden Bedeutungslosigkeit zu bewahren. Das heliozentrische Weltbild, welches das geozentrische ersetzte, erwies sich nicht nur als mathematisch einfacher, sondern vor allem als in Einklang stehend mit den Naturgesetzen.

Hohe Kernkapitalerfordernisse

Die akademischen Kritiker von noch mehr «Basel» propagieren ebenfalls ein wesentlich einfacheres und gleichzeitig wirksames Regulierungsregime, das nicht nur die aufsichtsrechtliche Hybris von «Basel» beseitigt, sondern auch die durch «Basel» verursachten Kollateralschäden in Gestalt hasardierender Bankmanager und Bankeigentümer wenn schon nicht verunmöglicht, so doch stark beschränkt.

Ihr Vorschlag ist einfach und unzweideutig: hohe verpflichtende Hebelbeschränkungen beziehungsweise hohe harte Eigenkapitalerfordernisse (Kernkapital beziehungsweise gezeichnetes Kapital plus Rücklagen gemessen an der Bilanzsumme) vor allem für international tätige Banken. That’s it!

Einer der Champions dieser Denkschule, der deutsche Ökonom Martin Hellwig, hält Kernkapitalerfordernisse für Banken im Ausmass von 30 Prozent der Bilanzsumme und darüber für angemessen und ausreichend für einen Kulturwechsel zu mehr Risikoverantwortung bei Bankmanagement und Bankeigentümern.

Fazit: Hohe Hebelbeschränkungen, d.h. hohe Kernkapitalerfordernisse, für Banken machen systemgefährdende, risikogetriebene Renditereiterei für Management und Eigentümer potenziell sehr kostspielig und damit ,unattraktiv‘ (viel Eigenkapital ist im Spiel), und halten dadurch ,hasardierende Manager‘ und ,renditengeile Eigentümer‘ von Banken fern. Was noch soll eine wirksame, auf Resilienz ausgerichtete Bankenregulierung leisten?

Dieser Beitrag ist am 3. April 2023 als Gastkommentar in der Tageszeitung ‚Neue Zürcher Zeitung‘ erschienen.